Italien: Interview mit Hernan Crespo (29, AC Mailand) - 11.02.2005 09:00
"In London fehlte die menschliche Wärme"
Gewohntes Bild beim AC Mailand: Der argentinische Stürmer Hernan Crespo bejubelt einen seiner Treffer.
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Hernan Crespo, der am Mittwoch mit seinen beiden Toren für Argentinien der deutschen Nationalelf einen Sieg entriss, spielt beim italienischen Topklub AC Mailand eine starke Saison. Nach einem missglücktem Intermezzo beim FC Chelsea blüht der Südamerikaner auf dem "Stiefel" wieder so richtig auf.
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kicker: Herr Crespo, Glückwunsch. Mit Ihrem Treffer in der Nachspielzeit zum 2:1 gegen Lazio haben Sie die Meisterschaft wieder spannend gemacht.
Hernan Crespo: Wir sind jetzt wieder sehr dicht dran an Juventus, das ist natürlich sehr schön. Aber wir haben auch zuvor nicht an uns gezweifelt.
kicker: Auch nicht nach den zwei Niederlagen gegen Livorno und Bologna?
Crespo: Um ehrlich zu sein: Die Situation war nicht einfach, das mussten wir erst einmal verdauen. Beim AC Milan ist man Verlieren nicht gewohnt. Erst recht nicht, zwei Mal in Folge. Doch an uns gezweifelt haben wir nicht. Zumal wir Bologna im Griff hatten. Doch sie kamen einmal vors Tor und trafen zum 1:0.
kicker: Gegen Lazio wurde es erst besser, als nach der Pause Shevchenko ins Spiel kam.
Crespo: Er ist nun mal "Europas Fußballer des Jahres" …
kicker: ... von dem Milan abhängig ist?
Crespo: Die Genialität, die er einbringt, könnte jede Mannschaft gebrauchen. Natürlich profitieren wir davon. Ich persönlich fühle mich sehr wohl neben ihm.
kicker: Neun Tore in 17 Spielen zeugen davon. Das missglückte Chelsea-Intermezzo scheint vergessen.
Crespo: Nach der Anpassungsphase, die nicht leicht war, funktioniert es derzeit richtig gut. Die Abstimmung passt, ich weiß, welche Wege ich gehen muss, ob an der Seite von Shevchenko oder Tomasson, auch wenn das am Sonntag anfangs nicht so aussah. Wenn nötig, versuche ich es in einem Spiel eben hundert Mal. Die Chance kommt schon, wie gegen Lazio.
kicker: Die Meisterschaft ist wieder offen; wie schätzen Sie die Chancen in der Champions League im Achtelfinale gegen Manchester United ein?
Crespo: Es ist alles drin für uns. Wir wollen beide Titel angehen, das ist unser Anspruch. Wir sind Milan.
kicker: Warum konnte sich ein Stürmer wie Sie beim FC Chelsea nicht durchsetzen?
Crespo: Obwohl mir die italienische Spielweise besser gefällt als die englische, hatte das nichts mit den unterschiedlichen Spielstilen zu tun. Es waren zum einen die Verletzungen. Ich konnte nicht regelmäßig trainieren und hatte dadurch keinen Rhythmus - obwohl ich mit meiner Torquote zufrieden war. Aber wenn man immer wieder verletzt ist, wirkt sich das negativ auf die Psyche aus.
kicker: Und zum anderen?
Crespo: Das soziale Umfeld. Mit den Mitspielern gab es keine Probleme. Es waren Dinge, die mit dem Klub FC Chelsea nichts zu tun hatten.
kicker: Was heißt das genau?
Crespo: London ist eine tolle Stadt. Aber mir fehlte die menschliche Wärme, hinzu kamen die Sprachprobleme. Ich fühlte mich abseits des Fußballs ausgegrenzt und einfach nicht wohl. Doch das war meine Schuld.
kicker: Eine ehrliche Aussage.
Crespo: Ja, ich konnte mich nicht anpassen. Der Kulturunterschied zwischen der angelsächsischen und der lateinischen war einfach zu groß.
kicker: Ein Grund, weshalb argentinische Spieler in England nur selten Fuß fassen?
Crespo: Das soll keine Ausrede sein: Aber man darf diesen Punkt wirklich nicht unterschätzen.